HTL Steyr - Jahresbericht 1998/99
Abschnitt Kunsthandwerk


Die Blümelhubervilla
Das schönste Werkstättengebäude Österreichs

Mag. Ulrike Stoiber-Postelmair
(Abteilungsvorstand für Kunsthandwerk
)

Das Jahr 1999 – Jubiläumsjahr an der HTL Steyr – ist auch für die Fachschule für Kunsthandwerk ein denkwürdiges: Die "Blümelhuber-Villa" wurde nach mehrjähriger Generalsanierung wieder ihrer Bestimmung als Ateliergebäude der Gold- und Silberschmiede und Graveure übergeben.

Lang hatte es gedauert – viel länger als erwartet – bis die Maschinen wieder aufgestellt, die Arbeitsplätze der Schüler und Lehrer wieder eingerichtet und die Räumlichkeiten wieder bezogen werden konnten. Oft mußte ich in dieser Zeit an der Villa-Zukunft (ver-)zweifelnde Schülerinnen und Schüler vertrösten und Atelierlehrer, die sich einen Unterrichtsalltag in der Villa vor ihrer Pensionierung nicht mehr vorzustellen wagten, zum Durchhalten motivieren...

...aber es hat sich gelohnt, ja mehr als das:

Die Blümelhuber-Villa präsentiert sich heute als modernes Schulgebäude mit dem Flair eines Wohnhauses - das sie ja einst war - und stellt eine Umgebung dar, in der kreative Kräfte wachsen und sich entwickeln können.

Die Außenansicht der Villa hat sich kaum verändert: Lediglich das Sgraffito-Band aus der Entstehungszeit wurde wieder freigelegt: "Landesstahlschnittschule..."

Neu ist der Stiegenaufgang, der nicht dem späten Jugendstil des ursprünglichen Baus nachempfunden wurde, sondern – puristisch in Edelstahl gefertigt – einen Bezug zum Zeitgenössischen herstellt. (Kritiker gerade dieser Stahlkonstruktion mögen bedenken, dass ausgerechnet der Sezessionsstil fordert: " Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit.")

Während der Zutritt für Besucher über die Terrasse gegeben ist, betreten die Schüler ihr Ateliergebäude über die Zentralgarderobe. Für Schüler und Lehrer besteht "Hausschuhpflicht". (Unser Haus soll so lang wie nur möglich gepflegt und schön bleiben.)

Der Besucher findet sich in einem Foyer wieder, das den Blick über die gesamte Breite des Hauses freigibt und über Glasfronten bereits Einblicke in eine der Graveurwerkstätten zuläßt. Glasvitrinen scheinen in der Wand frei zu schweben und stellen erste Kontakte her mit den Dingen, die hier entstehen.

Die enge Stiege mit ihrem Gewölbe ist die alte; hier wurde nur das Notwendigste renoviert, um den ursprünglichen Charakter dieses Gebäudeteils zu erhalten.

Der erste Stock ist geprägt durch den Ausstellungsraum, der sich – wie ehedem – über zwei Etagen erstreckt. Die Enge des Raumes, wie sie in der "alten" Villa gegeben war, war sicher nicht im Sinne des Jugendstilarchitekten Alfred Rodler; die ursprünglichen Pläne aus der Bauzeit zwischen 1908 und 1910 weisen diesen Raum als wesentlich großzügiger aus, als er sich später infolge diverser Umbauten darstellte, und so kommt das "Öffnen" der nördlichen Wand und ihre Reduzierung auf die tragenden Pfeiler einer architektonischen Rückführung auf den Ursprung gleich.

Die den Raum beherrschenden Vitrinen "schweben" teilweise frei zwischen diesen Pfeilern und sind von beiden Seiten einsehbar. Die Rückwände der anderen Vitrinen in Holz haben raumteilende Funktion und sollen die extreme Proportion des Raumes (Höhe) optisch zurechtrücken.

Die großzügige Verwendung von Glas bietet auch hier Einblick in die Werkstätten der Goldschmiede und Graveure, sowie reizvolle Durchblicke und viel ungewohnte Helligkeit, welche die Benutzer sehr zu schätzen wissen.

Besonders gewonnen hat die Gürtlerei: Nicht nur an optischem Reiz, sondern objektiv auch an Größe.

Der Sanitärtrakt, der – vom ersten Stock aus erreichbar – in den Hang hinter der Villa gesetzt wurde, präsentiert sich ebenfalls hell und modern.

Der zweite Stock beherbergt neben einem weiteren Goldschmiedeatelier die Werkstätte für Schleuderguß und ein Archiv. Vor allem der Raumgewinn bei den Goldschmieden ist beeindruckend für jeden, der die früheren Arbeitsverhältnisse gekannt hat, und ist zu einem großen Teil den Lehrern zu verdanken, die bei der Planung beschlossen hatten, sich auf einen gemeinsamen Aufenthaltsraum im ersten Stock zu beschränken und auf ein weiteres Lehrerzimmer im zweiten Stock zugunsten der Schülerarbeitsplätze zu verzichten.

Reiz und Schwierigkeit dieser Sanierungsaufgabe war sicher die Gratwanderung zwischen den Anforderungen eines zeitgemäßen Schulgebäudes und Benutzerwünschen einerseits und den Vorgaben des Denkmalschutzes und Gegebenheiten des Gebäudes andererseits. Hier profilierte sich Dipl.-Ing. Helmut Reitter als Architekt.

Für den Bauleiter OAR Ing. Karl Salcher von der Landesbaudirektion O.Ö. wurde das Gebäude auch zur Gratwanderung in finanzieller Hinsicht; notwendige Arbeiten erwiesen sich oft als umfassender als geplant, veranschlagte Zeitpläne als nicht haltbar. Vor allem für seine verständnisvolle Vermittlung zwischen Behörden, Architekt und Benutzer sei ihm herzlich gedankt.

Am 17.März 1999 wurde die Blümelhubervilla eingeweiht und feierlich wiedereröffnet: Mit der symbolischen Überreichung eines Prunkschlüssels, den FL Martin Strolz gefertigt hatte, wurde sie von Frau Bundesministerin Elisabeth Gehrer ihrer Bestimmung übergeben.

Es ist in erster Linie dem Engagement und der Zähigkeit zweier Herren zu verdanken, dass die Generalsanierung der Villa im Rahmen des Gesamtsanierungsplanes der HTL Steyr ermöglicht wurde: Hofrat Dipl.-Ing. Reinhard Kisslich vom Amt der O.Ö.Landesregierung und unseres Direktors, Hofrat Dipl.-Ing. Dr. Gottfried Ehrenstrasser.

Für die angehenden Goldschmiede, Graveure und Kunstschmiede ist die Blümelhubervilla wieder zur Heimat geworden. Hier läßt sich’s nicht nur arbeiten, sondern auch leben – und viel besser als früher: So stehen den Schülern Heiß- und Kaltgetränkeautomaten zur Verfügung. Eine entsprechende Versorgung mit Eßbarem durch den nahen Lebensmittelhändler haben sie selbst organisiert, und die warme Jahreszeit lädt in den Pausen zum Aufenthalt im Freien ein: Auf dem neu gestalteten Platz vor der Gürtlerei.

Schüler und Lehrer wissen, dass sie in einer der schönsten Schulen des Landes lernen und arbeiten dürfen – und sie wissen es zu schätzen.

Mag. Ulrike Stoiber-Postelmair
(Abteilungsvorstand für Kunsthandwerk)
(siehe Jahresbericht der HTL Steyr 1998/99, Seite 146
)


webmaster/26.10.2001