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HTL
Steyr - Jahresbericht 2000/01 |
Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. Helmut Eichlseder
Eine Karriere
Ich komme
der Einladung von Günther Eckhard, für den Jahresbericht 2001 einen Beitrag über
meine berufliche Laufbahn zu schreiben, aus zwei Gründen sehr gerne nach: Zum
einen deshalb, weil sich mein Berufsweg häufig und derzeit besonders intensiv
mit Absolventen der Steyrer HTL kreuzt, zum anderen, weil ich neben dem
beruflichen Werdegang auch meinen ganz persönlichen an der HTL,
Schlüsselhofgasse 63, gestartet habe - ich bin dort in der Dienstwohnung meines
Vaters zur Welt gekommen.
Welche Bedeutung dieses Umfeld und die räumliche Nähe der HTL für mein Interesse und die Begeisterung insbesondere für Verbrennungskraftmaschinen gehabt hat, kann ich heute nicht mehr präzise feststellen - sicher ist aber, dass die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise meines Vaters, eines sicherlich den meisten Absolventen bekannten Physiklehrers an der HTL, meinen Blick geschärft und das Interesse an technischen Vorgängen geweckt haben.
Die Ausbildung an der HTL vermittelte mir durch intensiven Praxisbezug eine solide technische Basis, die mir oft während der weiteren Berufslaufbahn sehr hilfreich war. Auf einigen Gebieten wurde diese Wissensbasis sogar an der TU nicht „überholt", sondern erst im Berufsleben weiter vertieft. Das praktische Wissen konnte ich durch viele Einsätze als Mechaniker bei einem befreundeten Motorrad-Rennfahrer und als Ferialpraktikant erweitern.
Nach einer mit Auszeichnung bestandenen HTL-Matura und kurzer Unsicherheit, ob Maschinenbau oder Medizin mein weiteres Berufsleben prägen sollten, wählte ich den Maschinenbau an der TU-Graz. Das war für die meisten nun keinesfalls, wie vielleicht anzunehmen, die logische Fortsetzung: Neben mir konnte sich nur ein Klassenkamerad sofort zum Maschinenbaustudium durchringen, ganz andere Studienrichtungen waren gefragt: Zwei Theologen, zwei Betriebswirte und ein Mediziner studierten weiter. Die anderen konnten zu diesem Zeitpunkt aus mehreren, zumeist sehr interessanten Industrieangeboten wählen.
Mit zwei Maturakollegen und Freunden aus einer Parallelklasse nahm ich das Studium 1978 auf und konnte zu Beginn gleich Stärken und Schwächen der HTL-Ausbildung erfahren: In Mechanik, die von Univ.-Prof. Wohlhart, einem ehemaligen HTL-Steyr-Absolventen (siehe Jahresbericht 1999), gelesen wurde und die für Gymnasiumskollegen eine ernsthafte (und für manche unüberwindbare) Hürde darstellte, waren wir durch gute Vorbildung und einen strengen Lehrer in einer sehr guten Lage.
Demgegenüber konnten wir in theoretischer Mathematik zu Beginn nicht einmal die Fragen der Mitstudenten verstehen, geschweige denn wussten wir die Antworten.
Mit den beiden Maturakollegen habe ich gemeinsam jede Prüfung vorbereitet und wir kamen alle zügig voran; vor allem in den angewandten Fächern des zweiten Studienabschnittes konnten wir von der HTL-Ausbildung profitieren, in einzelnen Fächern haben wir sogar an der HTL mehr gelernt als an der TU.
Meine vorhandene Begeisterung für Zweirad- und Motorentechnik konnte sich in der zweiten Studienhälfte entfalten, als ich nach den Konstruktionsübungen am Institut für Verbrennungskraftmaschinen eine Stelle als Studienassistent angeboten bekam. Die in diesem Rahmen bearbeiteten Projekte mit KTM, Puch, u.a. waren sehr anstrengend, aber höchst interessant und brachten mit dem ersten regelmäßig verdienten Geld auch ein lang erwünschtes konkurrenzfähiges Sportmotorrad ins Haus.
Erwähnenswert ist, dass sowohl im Zuge dieser Projekte als auch bei einer davor ausgeübten Nebentätigkeit als Werksführer im Puch-Werk sehr häufig Absolventen der HTL-Steyr mitwirkten.
Den Studienabschluss konnte ich trotz der Nebentätigkeiten zügig erreichen, und aus den zahlreichen beruflichen Möglichkeiten wählte ich eine Stelle als Berechnungsingenieur in der AVL (Anstalt für Verbrennungsmotoren, Prof. List). So konnte ich mir Grundzüge der noch jungen Finite-Elemente-Methode aneignen, die zur Simulation der Verformungen, Spannungen und Temperaturfelder auch sehr komplexer Motorbauteile eingesetzt wurde.
Als mir allerdings die Leitung des Arbeitsschwerpunktes Zweiradtechnik an der TU angeboten wurde, konnte ich nicht widerstehen und wechselte zurück an die TU.
Zusätzlich zu den Zweiradaktivitäten konnte ich die eben erworbenen Kenntnisse bei mehreren Entwicklungsprojekten, unter anderem der Puch-Entwicklung des ersten Mofas mit Katalysator, einbringen. Die thermische und thermodynamische Analyse von Zweitaktmotoren und die Voraussetzungen zu deren Kat-Eignung bildeten auch den Kern meiner Dissertation. Mit dieser Arbeit schloss ich meine Assistentenzeit ab und konnte dafür den gut dotierten „Honda-Shell-Preis für besonders innovative Arbeiten" in Empfang nehmen - ein schöner Abschluss, brachte er neben dem erfreulichen finanziellen Aspekt auch willkommenen Anlass für eine kombinierte Urlaubs/Studienreise zu Yamaha und Honda nach Japan ein.
1990 folgte ein großer räumlicher und thematischer Schritt, von der Simulation von Zweitakt-Ottomotoren zum Versuch von Viertakt-Dieselmotoren: Ich begann bei BMW Steyr in der Dieselmotorenentwicklung als Versuchsingenieur. In der ersten Zeit mit der Gemischbildung und Verbrennung befasst, sollte ich mich bald auch mechanischen Entwicklungsthemen widmen. Nach der ersten Bewährung durfte ich die Abteilung „Neue Technologien" und damit auch Aktivitäten zur Entwicklung der Direkteinspritztechnologie übernehmen. Neben dem Brennverfahren selbst entwickelte sich zu diesem Zeitpunkt die Einspritz-, Turbolader- und Abgasnachbehandlungs-technologie rasant weiter - gleich mehrere hochinteressante Entwicklungsthemen für einen jungen Entwicklungsingenieur. Mit den vorentwickelten Konzepten trat ich in die Serienentwicklung über und konnte die neuen DI-Generation 4/6/8-Zylinder maßgeblich mitgestalten - übrigens mit Schulkollegen und -freunden aus der HTL-Steyr, die auf allen Hierarchieebenen vertreten und erfolgreich sind, insbesondere auf konstruktivem Gebiet.
Während dieser durch fixe Serienanlauftermine sehr intensiven Phase forderten mich die neuen Schwerpunkte ebenso wie der streng ergebnisorientierte Vorgesetzte - im Rückblick beweist mir diese Zeit, dass Lernen wirklich außerhalb der persönlichen Komfortzone stattfindet.
Schöne Erlebnisse waren, wenn nach mehrjähriger Entwicklungszeit ein „eigener" Motor bei Vergleichsfahrten oder Fahrzeugerprobungen in Lappland oder Südspanien hervorragende Funktionsergebnisse lieferte. Neben den Serienanläufen war der Einsatz eines modifizierten Dieselmotors bei Langstreckenrennen absolutes „Highlight" - der innerhalb sehr kurzer Zeit aufgebaute Motor konnte bereits beim ersten Einsatz eine Pole-Position innerhalb eines 160 Fahrzeuge starken Starterfeldes erringen, bei seinem dritten Einsatz sogar das 24-Stunden-Rennen am Nürburgring gewinnen - der erstmalige Sieg eines Dieselfahrzeuges in einem Benzinmotorenfeld!
Eine vollkommen neue Herausforderung stellte 1997 das Angebot aus München dar, in der Ottomotorenentwicklung die Abteilung „Alternative Brennverfahren" zu übernehmen. Mit dem Ortswechsel war vor allem von der Familie hohe Flexibilität gefordert. Der Umgebungs-, Technologie- und Kraftstoffwechsel war wenig komfortabel, bot aber genug und intensive Gelegenheit zur Weiterbildung. Vor allem für die Direkteinspritztechnologie bei Ottomotoren wurden grundlegende Erkenntnisse gewonnen, über die auszugsweise in mehreren internationalen Vorträgen in Europa, aber auch USA und Japan berichtet wurde.
Ende 1999 erhielt ich einen Ruf der TU-München als Professor für Verbrennungskraftmaschinen, die Verhandlungen um die erforderlichen Investitionen und Einrichtung gestalteten sich aber - glücklicherweise - langwierig, sodass sich die einmalige Gelegenheit ergab, an einem Berufungsverfahren der TU-Graz teilzunehmen. Nun, auch dieses Verfahren an dem so renommierten Institut (Vorgänger Prof. List, Prof. Anton und Rudolf Pischinger) ging zu meinen Gunsten aus und so bin ich Anfang April 2001 an „mein" ehemaliges Institut zurückgekehrt, um das Fach Verbrennungskraftmaschinen in Forschung und Lehre zu vertreten.
Die besonderen Stärken der HTL-Ausbildung sehe ich heute im anwendungsbezogenen, beispielhaften Arbeiten, aus dem ein „Gefühl" für Mechanik, Werkstoffe und Maschinen entsteht. Aufbauend auf dieser Wissensbasis konnten sich viele Schulkollegen hervorragende Positionen erarbeiten, wofür ich auf allen meinen Arbeitsplätzen in Steyr, aber erstaunlicherweise auch in Graz und München mehrere Beispiele erlebte. Ein weiterer Aspekt erscheint mir persönlich wesentlich - in der intensiven Ausbildungszeit sind Freundschaften entstanden, die bis heute Bestand haben.
Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. Helmut Eichlseder
(siehe Jahresbericht der HTL Steyr 2000/2001,
Seite 28)
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