HTL Steyr - Schulgeschichte
Nach dem 2. Weltkrieg


 Erinnerungen an die HTL Steyr
Prof. OStR Mag. Franz Wieringer
 

1950 - 1967: Franz Wieringer (geb. 1910) unterrichtete von 1950-1976 Mathematik, Geometrie und konstruktive Technik an der HTL Steyr. Bruno Losbichler u. Andreas Schnabl sprachen mit ihm am 30.04.05.

 

Web-Team: Wie war das Unterrichten in den 50er-Jahren?
Wieringer: Die Schüler waren sehr aufmerksam. Sie waren konzentriert, denn sie hatten ja wenig Ablenkungsmöglichkeiten. Auch die Lehrmittel waren am Anfang sehr bescheiden.

Web-Team: Wir haben gehört, dass Sie einige Entwicklungen bzw. Erfindungen gemacht haben. Stimmt das?
Wieringer: Ja, ja. Ich habe den spitzlosen Tafelzirkel erfunden, dafür auch das Patent in Österreich bekommen, in Deutschland jedoch nicht. Das deutsche Patentamt schrieb zurück: „Ihre Erfindung bereichert die Technik nicht.“

Web-Team: Uns ist das so genannte „Wieringer-Gerät“ noch in Erinnerung. Was ist das?
Wieringer: 1952 habe ich ein Kurvengerät entwickelt, weil ich die Veranschaulichung liebte. Zylinder und Kegel bzw. Kugel können mit Ebenen geschnitten werden. Die Schüler sollen sehen, wie sich da die Kurven verändern. Dieses Gerät habe ich damals in Krieglach (Stmk.) vorgestellt. Der damalige Unterrichtsminister Dr. Kolb war auch anwesend und sagte: „Herr Kollege, würden Sie erlauben, dass dieses Gerät für die 21 technischen Lehranstalten hergestellt wird?“ Ich stimmte sofort zu. So hat die HTL Steyr den schwierigen Auftrag bekommen, 21 Geräte in der Werkstätte zu bauen.
Web-Team: Existiert noch ein solches Gerät?
Wieringer: Ich habe 2 Geräte zu Hause.

Das Wieringer-Gerät 
 

 Kegelschnitte
 



Quelle: Festschrift 80 Jahre Bundesgewerbeschule Steyr
 "RÄUMLICH-PLASTISCHES KURVENERLEBNIS"
 Prof. Franz Wieringer, Seite 33, (1953)
 

Web-Team: Das wird ja noch eine spannende Geschichte. Eine andere Geschichte ist die vom „Thallium-Müller“.
Wieringer: Müller war ein Schüler, der auf der Straße einen Kugelschreiber gefunden hat. Bei der Schularbeit hat er diesen dann gleich verwendet. Der Lehrer sah nichts am Papier geschrieben, obwohl der Schüler das behauptete. Die Schrift ist durch Oxydation des Thallium gänzlich verblasst. Daher der Name „Thallium-Müller“.

Web-Team: Wie war das Schulklima unter Dir. Hillisch?
Wieringer: Er war ein ausgezeichneter Direktor, hat den Lehrkörper in der Hand gehabt und für Ordnung und Pünktlichkeit gesorgt. Wenn bei den Schülern etwas vorgefallen ist, veranlasste er eine Versammlung auf dem Schulhof. Der Schuldige wurde meist mit Samstagdienst bestraft (Reinigung der Schule am Samstag Nachmittag).
Web-Team: Was war ihm sonst noch wichtig?
Wieringer: Hillisch wollte auf jeden Fall, dass die Schüler die Normschrift wirklich beherrschten. Auf einem großen Transparentblatt habe ich ein Normschrift-Alphabet erstellt. Hillisch war auch sehr sparsam. So hat er etwa die Briefhüllen der eingelangten Post weiter als Dienstzettel verwendet.

 

Zeichungskopf mit Stückliste 
 

 Der zweite Strich hat die gleiche Richtung 
wie beim V

 

Quelle: Festschrift 80 Jahre Bundesgewerbeschule Steyr
  "WIR TECHNIKER SCHREIBEN ALLE GLEICH"
 Prof. Franz Wieringer, Seite 30, (1953)
 

Web-Team: Gab es damals auch Tage, die den Unterricht auflockerten, etwa Exkursionen oder Schikurse?
Wieringer: Das hat es schon gegeben. In der 1. Klasse fuhren wir zur Firma Faber Castell (Buntstifte). Das war dem Landesschulrat aber nicht recht. Ich sagte jedoch, dass die Schüler Eindrücke mitgenommen haben, die auch verwertet werden können. Bei einer Wien-Woche habe ich auch eine Verwarnung vom Landesschulinspektor bekommen, weil ich in einem Museum kritisiert habe, dass die Schautafel zu klein sei.

Web-Team: Haben Sie damals mit den Werkstättenlehrern zusammengearbeitet?
Wieringer: Ich habe mit Koll. Nefe Verbindung aufgenommen und von ihm einen Auftrag bekommen einen Hammerkopf u.a. zu zeichnen. Theoretisches Wissen musste in der Praxis angewendet werden.

Web-Team: Hat es das Kaufhaus „Dschungel“ gegenüber der Schule damals schon gegeben?
Wieringer: Sicher. Wir haben „Dungl“ gesagt. Einmal haben Schüler als Jux nach bestandener Matura den Eingang des Kaufhauses mit Ziegeln verstellt.

Web-Team: Können Sie sich noch an das Staatsvertrags-Jahr 1955 erinnern?
Wieringer: Ja. Es ist damals am „Tag der Fahne“ im Schulhof gefeiert worden. In jedem Fenster der Schule brannten zwei Kerzen. Schüler haben eine Tafel in die Höhe gehalten. Dann wurden die Worte von Kanzler Figl verkündet: „Österreich ist frei!“

Web-Team: Danke für das interessante Gespräch!
Wieringer: Ich danke Ihnen, dass Sie diese Arbeit auf sich genommen haben.

Interview: B. Losbichler
A. Schnabl 


Kontaktperson: Andreas Schnabl webmaster/01.05.2005